Tag 5 (Dienstag – Die Aussprache)

Ein Tag frei! Naja, zumindest ohne Konzert. Um 8:00 Uhr sind Pavel und Fred mit Knut verabredet zu dem klärenden Gespräch. Gleich anschließend sollen zwei Leute nach Schwäbisch Hall aufbrechen um zwei neue Busse abzuholen. Einen neuen Bus für uns und einen für die andere Band, weil deren Bus heute früh zurück nach Frankreich fährt.
Ich wache um 11:00 Uhr auf, Pavel und Fred haben auch etwas verschlafen. Sie sind seit 9:00 Uhr wach, haben jedoch Knut und seine Band nicht über Ihre Verspätung informiert. Ausrede ist das Funkloch aber offensichtlich gibt es nicht nur technisch bedingte Kommunikationsprobleme. Von den neuen Bussen gibt es zwar auch noch keine Spur, aber ich höre daß der Wirt, der uns so geduldig beherbergt, eine nahgelegene Autovermietung empfohlen hat und wir uns nun den Weg nach Schwäbisch Hall sparen können.
Pavel sitzt mit Anton über der Abrechnung, ich stoße hinzu und wir brüten ca. zwei Stunden über Einnahmen und Ausgaben. Ein bisschen Freesytle ist ja ok, aber anscheinend gab es überhaupt keine Vorbereitung und die holen wir jetzt nach. Wir erarbeiten eine realistische (A) und eine sehr optimistische Kalkulation (B), die wir dann Knut vorlegen wollen, ich befürchte aber insgeheim daß wir sogar Variante A noch unterbieten werden…
Die andere Band erreicht uns irgendwie telefonisch und die nächste Katastrophe ist im Anmarsch. Sie mussten Ihre Zimmer räumen, sitzen seit einer Stunde auf der Straße vor dem Hotel, warten darauf abgeholt zu werden und sind verständlicherweise nicht sonderlich gut gelaunt. Jemand fährt schnell los und plötzlich brechen hektische Essensvorbereitungen aus. Walter macht uns Frühstück (Kaffee, Unmengen Toast und diverse Beläge) Ich koche Reis, Fred kauft riesige Dosen Gulaschsuppe TK-Gemüse und Salat. Es scheint so als fühlen wir uns nun alle irgendwie verantwortlich…
Schließlich trifft die andere Band ein. Wir essen bei strahlendem Sonnenschein im Garten, man beäugt sich, ist aber doch freundlich zueinander und sogar der wirklich fürchterlich schmeckende Gulaschsuppen-Gemüsemix wird fast ohne Murren verzehrt.
Nach dem Essen holen Fred und unser Drummer Marek einen der beiden neuen Busse, die wir heute bekommen. Das alte Gefährt werden wir zurücklassen und ich vermute dass sich das allgemeine Bedauern darüber sehr in Grenzen halten wird.

Dann folgt die große Aussprache. Pavel, Fred und ich gegen Knut und seinen Manager. Die Stimmung ist sehr gereizt und wir diskutieren zwei lange Stunden. Jedes Detail wird mehrfach hinterfragt und es wir versuchen mühsam eine Lösung zu finden, die den Ansprüchen Aller irgendwie gerecht wird. Es wird deutlich was wir schon vermutet hatten: Das Vertrauen ist mehr als angeschlagen, niemand fühlt sich wirklich angehört und respektiert, was doch eigentlich die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist. Nach langen Diskussionen, Beschuldigungen und Erklärungen finden wir einen Kompromiss. Ein Vertrag soll aufgesetzt werden und das Vertrauen wiederherstellen.
Knut überbringt seiner Band die Neuigkeiten persönlich und während sie noch einmal zusammen ihrem Ärger Luft machen und über die neuen Fakten diskutieren, holen wir den zweiten Bus.
Als wir mit dem zweiten Bus eintreffen, blicken wir endlich wieder in freundliche Gesichter. Nur mein Freund Kurt wurde vor der Abfahrt von dem Schlagzeuger der anderen Band sehr böse und ungerechtfertigt beschimpft und wartet immer noch auf eine Entschuldigung.
Ich wundere mich über mich selbst, daß der ganze Stress mich immer noch nicht erreicht hat und frage mich, wann auch ich nicht mehr darüber stehen kann.

Wir verstauen die Instrumente und das Gepäck, verabschieden uns von Walter, der uns so herzlich und geduldig beherbergt hat und brechen gegen 20 Uhr endlich auf zum nächsten Halt unserer Tour. Der neue Fahrkomfort und ein Zwischenhalt zur Nahrungsaufnahme, der allerdings von Kurt in Ermangelung der ausstehenden Entschuldigung bestreikt wird, sorgt für gute Laune. Beim nächsten Tankstellenstop überwindet sich sogar der andere Drummer zu ein paar versöhnenden Worten. Wir treffen gegen 1 Uhr müde in der neuen Stadt ein, besorgen noch schnell das Hotel für die beiden Problemkinder und fallen dann alle müde (und Kurt sehr hungrig) ins Bett.

Was bisher geschah

Ich glaube ich sollte kurz ein paar Worte zur Vorgeschichte verlieren.

Unser Sänger Fred hat Knut vor zwei Jahren auf einem Festival kennengelernt und die beiden sind seit diesem geschichtsträchtigen Moment nicht nur gut befreundet, sondern zwischen ihnen herrscht so eine Art brüderliche Seelenverwandtschaft.
Es mag daran liegen, dass die beiden am gleichen Tag Geburtstag haben, oder sie haben einfach nur gemeinsam eine „Sportzigarette“ inhaliert. Wie auch immer; es wurde beschlossen gemeinsam auf Tour zu gehen. Fred lernte nun vor ein paar Monaten Pavel kennen, der war begeistert von dieser Idee und bot an die Tour zu organisieren.
Der Informationsfluß war während der Planungsphase äußerst dürftig und es gerenzt an ein Wunder, dass wir alle am selben Tag zum selben Autritt gegangen sind, um die Tour zu beginnen.
Aber es hat geklappt, der Scherbenhaufen beginnt zu wachsen und ich bin sehr gespannt wie alles weitergeht.

Tag 4 (Montag – Beginnende Eskalation) Part 2

Unser Gig ist sicher der beste, den wir bisher auf der Tour gespielt haben. Wie deutlich sich doch eine Probe bemerkbar machen kann. Wir bauen schnell um für die Hauptband, wie jeden Abend. Ich stelle mich hinten ins Publikum um ein bißchen vom Konzert zu genießen und sie fangen an zu spielen.
Doch Knut, der Frontmann, lässt minutenlang auf sich warten. Ich schaue wo er ist, aber ich erspähe ihn erst als er auf mich zustürmt und mir zuruft, ich solle dafür sorgen, dass der Tonmann den Gesangssound vernünftig einstellt. Also gehe ich zum Tonmann und trage höflich Knuts Bitte vor. Der gibt mir mit Bedauern zu verstehen, daß die Anlage bereits am Limit ist, Knut leider damit leben muß. Ich suche ihn, um die Nachricht weiterzugeben, aber ohne Erfolg. Plötzlich geht er auf die Bühne und fängt das Konzert an. Sie spielen lange und das Publikum ist begeistert.

Was ich erst später nach dem Abbauen erfahre ist, dass Knut unseren Tourmanager Pavel vor dem Konzert direkt vor dem Publikum angebrüllt hat. Den konkreten Grund erfahre ich nicht und ich beschließe auch nicht weiter nachzufragen. Aber wenn ich den bisherigen Tourverlauf so rückblickend betrachte war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis jemandem der Kragen platzt.
Es ist eine sehr verfahrene Situation, doch es kommt noch dicker:
Der Manager der anderen Band kommt zu uns und beschuldigt Pavel Eintrittsgelder zu unterschlagen. Pavel kontert damit, daß der Manager selbst T-Shirts verkauft hat ohne hinterher abzurechnen. Wenn man schon mal dabei ist schmutzige Wäsche zu waschen, dann kommt anscheinend einiges zu Tage.
Pavel ist so sehr beleidigt, daß er droht die Tour abzubrechen. Doch wir beschwichtigen ihn, Fred beschwichtigt Knut und es wird nach zweistündiger Diskussion eine Aussprache für morgen früh verabredet, bevor wir dann in die nächste Stadt aufbrechen.
Die andere Band fährt ins Hotel und wir machen es uns auf unserem Matratzenlager gemütlich.

Tag 4 (Montag – Beginnende Eskalation) Part 1

Der Tag beginnt mit fröhlichem Sonnenschein in einem malerischen Bayrischen Dorf. Eine idyllische Stille liegt über diesem mehrere Quadratkilometergroßen Funkloch, und zusätzlich herrscht eine urtümlich süddeutsche Mittagsruhe. Genau der Richtige Moment für ein ausgedehntes Frühstück, dass der Wirt für uns im Garten vorbereitet hat. Dennoch ist die Stimmung gedrückt, denn wie schon Andreas gestern erwähnt hat, sind wir nicht sicher, ob die Kollegen der namhaften Hauptband überhaupt noch da sind. Innerlich stellen wir uns darauf ein, die neue Backing-Band zu stellen, da alle davon ausgehen, dass nur der Sänger bleiben wird. während ich meinen dritten Nachschlag nehme, ertönt der Motor eines nahenden Busses; sie kommen. Vorsichtige Erleichterung. Schnell schaffen wir einen zweiten Tisch und weitere Bänke in den Garten, und die Kollegen beginnen ihr Frühstück, wobei sie nicht den Eindruck einer krisengeschüttelten Mannschaft erwecken. Uns persönlich irritiert diese Gelassenheit etwas, aber wer weiß, was die Jungs nach dem gestrigen Konzert so ausgekaspert haben.

Andreas und ich erwägen einen kleinen Spaziergang in Richtung Wald, verabschieden uns kurz und stiefeln los. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man in Bayern einen Sonnenbrand bekommt, da hilft auch nicht, querwaldein zu gehen. Aber, es ist wirklich eine ausgezeichnete Idee, so ein Waldspaziergang, gerade, wenn man in einer Stadt wohnt, die zwar auch zentral gelegene Grünflächen hat, aber man sie eh nicht so nutzt, weil man ja könnte, wenn man wollte. Ich frage mich nur, wo ich eine Kopfbedeckung herbekomme, die einen Sonnenbrand abhält und trotzdem nicht scheiße aussieht.

Das Frühstück scheint sich enorm in die Länge gezogen zu haben, denn bei unserer Wiederkehr hat sich die Szenerie nicht sonderlich geändert. Andreas und ich sind trotz guter Laune recht matt und den Übrigen geht es auch so; trotzdem schleppen wir uns irgenwann zum Aufbauen in den Konzertsaal im ersten Stockwerk. Ja, es macht sich bezahlt, wenn man, so wie wir in diesem Falle, nicht zu viel schweres Equipment hat, denn nach dem Aufbauen finden wir tatsächlich endlich einmal etwas Zeit, eine Durchspielprobe zu machen (jetzt mal im Ernst, irgendwie war die auch lange überfällig). Danach beginnt ein entspanntes Rumgejamme, aber für mich ist sowas ja nichts, daher verziehe ich mich in den hinteren Schlaf-Großraum, betreibe etwas Körperpflege und schleiche mich runter in die Kneipe, wo es bald wieder etwas zu Essen geben soll.

Ja, es gibt etwas, die Köchin hat sich mächtig ins Zeug gelegt: Es gibt Reis. Aha, denke ich, das ist ja toll… Sie erscheint mit weiteren riesigen Töpfen, und was da drin ist, das lässt meinen Magen höher schlagen: In dem einen befindet sich geschmortes Rindfleisch in einer unglaublich köstlichen Sauce, ein Hauch von Kokos und Ingwer betört meine Nase, ich bekomme nicht nur Lust, mir einen Bollywoodstreifen anzusehen, sondern auch einen Blick in den zweiten Topf zu werfen. Da war das Ganze in fleischloser Variante mit einem erheblichen Plus an Gemüse und einer zusätzlichen Prise Kardamon, wenn ich nicht irre. Ein erstes vorsichtiges Probieren bringt meine Geschmacksknospen förmlich zum Explodieren, und ich weigere mich lange Zeit erfolgreich, satt zu werden. Gut so, denn zwischen der zweiten und dritten Portion erscheint die Köchin mit einem Berg von Steaks und Bratwurst. So kann doch eigentlich nichts schiefgehen, dieses Essen, das sehe ich an den Gesichtern der Anderen, hat alle glücklich gemacht. Aber wie immer nach üppigen Essen schwindet meine Lust, irgendetwas zu tun. Aber es geht nicht anders, es muss ein Konzert bestritten werden. Wir sind ja nicht zum Spass hier. Doch etwas Zeit haben wir noch. Andreas und ich gehen wieder in die Schlafgemächer, er bastelt irgendetwas an seinem Laptop, ich gehe wieder herunter, gehe wieder hoch, treffe Anton, gehe wieder runter…. ich fühle mich so ruhelos. Bestimmt liegt das daran, dass es überhaupt keinen Sinn macht, das Mobiltelefon zu etwas anderem zu verwenden als nach der Uhrzeit zu schauen. Und es geschieht das Unglaubliche: Der friedliche, verschlafene Ort mitten im schönen Bayern hat einen Platz, an dem es Empfang gibt. Und das sogar vor der Kneipe an einer ehemaligen Regentonne. Toll, man hat einen Balken und darf sich nicht zu sehr bewegen, aber es klappt. Ein echter HotSpot! Ob ich diese Information für teures Geld an meine Bandkollegen weiterverkaufen soll?
Das Telefonat nach Hause hebt meine zu dem Zeitpunkt ohnehin schon gute Laune noch ein wenig mehr, zumindest, bis das Gespräch auf unsere namhafte Vorband kommt. Batsch, da ist sie wieder, diese Ungewissheit. Diese Band hat Mitglieder, die sich nicht standesgemäß untergebracht fühlen, und ich frage mich erneut, wie lange das gut gehen soll. Man spürt eine Anspannung fast schon durch die Fenster der Kneipe, hinter denen ich unsere Kollegen sitzen sehe.

Hilft alles nichts, ich gehe wieder rein, der untere Bereich des Hauses hat sich schon beträchtlich gefüllt, und wir sollen so langsam anfangen. Genau das tun wir, und ich kann sagen, das Proben hat sich sehr gelohnt. Mir gehen trotzdem einige Sachen durch den Kopf, die mit dem Konzert nicht unmittelbar zu tun haben, zum Beispiel, dass ich der CSU so unglaublich dankbar bin, dass sie seit Jahren mit absoluter Mehrheit regiert, denn das motiviert die jungen Leute, ihre rebellische Seite mit Kiffen und Reggae auszuleben. Der Laden ist sehr gut gefüllt, die Besucher sind außerordentlich gut gelaunt und haben lange Zigaretten. Vielleicht hat aber auch nur irgendein Scherzkeks ein Weihrauchtöpfchen entwendet und zur Belustigung Aller aktiviert.

to be continued

Tag 3 (Sonntag – Der Bus)

Wir erwachen auf den Sofas im Backstage. Kalter Zigarettenrauch und verschüttetes Bier duftet mir in die Nase. Ich bin etwas neidisch auf die andere Band, die ja im Hotel untergebracht ist, aber ich beschließe einfach gute Laune zu haben.
Frühstück ist angesetzt für 8:00 Uhr, denn gleich sind 300km im Tourbus zurückzulegen. Der Clubbesitzer ist superpünktlich. um Punkt 8:00 Uhr steht das Rührei dampfend auf dem Thresen nebst drei Tellern, denn mehr Personen haben hier anscheinend nicht übernachtet. Waren wir gestern nicht noch ein paar mehr?
Langsam finden sich alle ein. Der Drummer Marek und Sancho haben im Bus gepennt und Pavel kommt mit Fred im Schlepptau frisch von durchzechter Nacht zur Tür hinein gewankt. Anscheinend haben wir den spannendsten Teil des gestrigen Abends verpasst, werden aber während des Frühstücks gründlich über die babylonischen Geschehnisse informiert. um 9:15 Uhr ist der Bus gepackt und alle sind satt und frisch geduscht. Die andere Band wird von Pavel informiert , daß wir in unserem altersschwachen Vehikel schon mal losfahren und um 10:00 Uhr starten wir pünktlich mit reichlich Zeitvorsprung.

Der Tourbus wird von Tag zu Tag symphatischer. Die ungewohnten Geräusche haben wir fast liebgewonnen und bis auf Marek, der fährt, schlafen alle seelenruhig. Die 300km vergehen wie im Fluge. Um genau zu sein 250, denn Kurt und ich wachen fast zeitgleich auf, weil es plötzlich kalt wird und sehr seltsam riecht. Pavel hat die Dachluke geöffnet und durch seltsame Strömungen scheinen die Abgase in den Innenraum zu gelangen. Das Fenster wird geschlossen, aber es wird nicht besser. Auch nicht nachdem ich auch noch den im Dach eingelassenen Lüfter ausgestelt habe, den Pavel angeschaltet hat. Wir beobachten daß grauer Qualm aus einigen Ritzen des Fußbodens steigt und wir beschließen die Autobahn zu verlassen und das Auto zu inspizieren. Fred schaut unter den Bus und ruft genervt „Der Aupuff ist ab. Genau das ist auch passiert als ich den Bus abgeholt hab.“
Unser frisch gewonnenes Vertrauen in das Gefährt ist zutiefst erschüttert. Pavel klettert mit einem Schraubenschlüssel unter den Bus und verkündet 5min später stolz und rußverschmiert, er habe den Auspuff wieder repariert.
Wir fahren also wieder los und es raucht erneut. Diesmal steigt dichter weißer Qualm in Zeitlupe aus den Ritzen der Innenraumverkleidung. Wir nehmen erneut die nächste Ausfahrt und halten auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße.
Dort bleiben wir auch für die nächsten zwei Stunden, denn der Bus weigert sich wieder anzuspringen. Der ADAC wird angerufen und Pläne werden geschmiedet. Die Fahrzeugpapiere geben uns Auskunft darüber, was wir schon vermutet hatten: das Gefährt ist nur für 4 Personen zugelassen. Langsam beginnt die Stimmung etwas gereizt zu werden. Einige Telefonate später ensteht ein neuer Plan. Der Bus soll zur nächsten Werkstatt geschleppt werden, wir besorgen übermorgen einen neuen Bus (Pavel: „Das kostet mich mindestens 1000€!“) und wir warten jetzt auf zwei Autos mit Anhänger, die der Veranstalter freundlicherweise losgeschickt hat.
Plötzlich hält der gelbe Engel vor dem Bus. „Den müssen wir anschleppen.“, sagt der freundliche Pannenhelfer nach unserer Schilderung der Probleme und einem kurzen Blick in den Motorraum. Gesagt, getan, der Bus tuckert wieder vor sich hin und Marek und Pavel fahren vor zum Auftrittsort.
Wir anderen bleiben auf der Wiese neben der Bundestraße zurück, genießen die frische Luft und warten auf die Leute die uns abholen sollen. Tatsächlich gibt es auch Glück im Unglück: Pavel und Marek rufen 10min später an, daß sie in eine Polizeikontrolle geraten sind. Zu siebt wäre das böse ausgegangen.
Nach einer weiteren Stunde Frischluft, Sonne und unzähliger vorbeifahrender Autos tauchen die beiden Jungs auf, die uns auflesen sollen und bringen uns wohlbehalten zum Auftrittsort.

Die Stimmung ist dort ungefähr am Gefrierpunkt angekommen. Die andere Band ist mit der Unterbringung nicht zufrieden und hat sich einfach ein Hotel genommen. Pavel rechnet uns wieder einmal vor wie viel Geld er verliert und erwähnt so nebenbei, daß die Musiker der anderen Band vielleicht nach Hause fahren wollen. „Könnt ihr nicht den Sänger begleiten? Dann spielt ihr halt zweimal am Abend.“ Große Fragezeichen in allen Gesichtern. „Wir können morgen und übermorgen Proben einschieben und dann schick ich die einfach nach Hause.“ Kurt schaut mich an als ob er am Geisteszustand von Pavel zweifeln würde. Ich muß zugeben das tue ich langsam auch.
Die andere Band macht einen kurzen unmotivierten Soundcheck und wir sind danach dran. Wann habe ich eigentlich zum letzen mal gegessen? War das heute morgen oder gestern? Auch bei unserem Soundcheck macht sich die gereizte Stimmung deutlich bemerkbar. Die Aussicht auf einen neuen Buß ist zwar verlockend aber die Probleme der anderen Band belasten alle. Wir beratschlagen in der verbleibenden Zeit bis zum Auftritt wie wir weiter verfahren, wenn die andere Band wirklich fahren sollte. Schließlich kommt tatsächlich noch etwas zu Essen. Ein riesiger Topf Käsetortellini, den wir eilig verschlingen, und in apathischer Fressnarkose betreten wir die Bühne.

Nach dem Gig bauen wir ab und verabschieden uns von der anderen Band. Ich frage mich, wen von der Truppe wir morgen wieder sehen. Anschließend geht es gleich zum nächsten Auftrittsort, der nur ca. 10km entfernt ist. Für die kommenden beiden Tage sind wir dort untergebracht und wie mir mein Mobiltelefon bei der Ankunft lautstark verkündet, wurde der Ort bei der Planung des Mobilfunknetztes offensichtlich vergessen.
So beziehe ich schnell mein Feldbett, schlafe entspannt ein, träume von Wildnis und weiter Prärie und fühle mich so merkwürdig frei….

Verschollen

Es gibt in der Tat noch quadratkilometergroße Mobilfunklöcher in unserem Lande, daher sind wir nun etwas in Verzug. Nach unserem gestrigen Wiedereintritt in die Zivilisation gibt es nun ganz bald Updates!

Tag 2 (Samstag – Der Reisebeginn)

Hurra, hurra, wir verlassen heut Berlin! Um 11 Uhr ist ein großes und entspanntes Frühstück auf einem Dampfer geplant, die namhafte Band, die wir ja als Vorgruppe begleiten, hat (gut, bis auf eine Ausnahme) auf dem Dampfer genächtigt, und was liegt näher, als den sonnigen Tag mit einer opulenten Mahlzeit zu beginnen?
Ich treffe um 11 Uhr ein, zwar schon leicht angefrühstückt, aber noch immer hungrig (Andreas hat gestern darauf hingewiesen, und ich fürchte, er wird es immer wieder thematisieren). Ich befinde mich auf dem Bootssteg, als mein Telefon klingelt und mir Pavel offenbart, dass Fred sich wohl irgendwie verfahren hat und nun endlich auf dem Weg zu ihm sei, allerdings müsse noch das letzte Bandmitlglied vom Hotel abgeholt werden, ich möge es mir doch erst einmal gemütlich machen und meinen Hunger stillen, aber nicht vergessen, noch weitere vier Teller zurückzulegen, denn auch Marek sei mit im Bus und selbstverständlich auch Sancho. Leise beschleicht mich das Gefühl, irgend etwas könne noch schief gehen, und ich bitte die Frühstücksfachkraft, mir ein paar Teller fertig zu machen, denn der Frühstückstisch soll um 11:30 abgeräumt werden. Zum Glück ist sie wegen des Wetters und der zu erwartenden üppigen Rechnung enorm gut aufgelegt und bietet mir an, den Tisch einfach so stehen zu lassen, bis alle erwarteten Gäste versorgt sind. Irgendwie eine kluge Idee.
Geplant ist, dass wir gegen 14:00 in Leipzig erscheinen und Essen bekommen, was mir persönlich ja immer recht ist. Also lautet der Plan, um 12:30 den Zündschlüssel im Bus umzudrehen. Mir fällt allerdings bei näherer Betrachtung auf, dass mit einer Wegezeit von etwa 2 1/2 Stunden zu rechnen ist, aber, hey, das Wetter ist einfach zu schön, um sich über so etwas Gedanken zu machen.
Ich schaufele mir also gut gelaunt meinen Teller voll mit Toastbrot, Aldiwurst und Scheiblettenkäse und speise in aller Ruhe, wohl wissend, dass Andreas und Anton um 12:30 spätestens da sein wollten. Ein paar Tassen Kaffee später treffen die Beiden ein, und es herrscht eine recht entspannte Aufbruchstimmung. Allein… unser Manager, Fred, Sancho und Marek fehlen noch, was sich erst um etwa 14:30 ändert. Pavels erste Worte mir gegenüber sind: „Schnell, pack mal das Gepäck im Bus um!“ Ich schnappe mir also Andreas und Anton und wir schreiten zur Tat.
Gelinde gesagt beschleicht uns zartes Entsetzen, denn der Bus ist sehr viel kleiner als wir ihn von gestern in Erinnerung haben, aber mit Müh und Not schaffen wir, dass in diesem Bus nicht nur das Gepäck und das Equipment verstaut, sondern auch die fünf Sitzplätze und die Liegefläche für uns sieben Musiker freigeschaufelt sind. Und um 14:45 reiten wir vom Hof. Der obligatorische Bremsencheck, den ich als erster Fahrer der Tour durchführe, ist (wie im Übrigen der zweite und dritte auch) negativ, das heißt, dass es nur ein Tritt ins Leere ist. Auch das Geräusch, das der Bus beim Anfahren macht, ist ähnlich dem einer Aluminium-Segelyacht, die an Eisschollen entlangschrammt. Die zahlreichen Extras hingegen sind zwar nicht alle funktionstüchtig aber Eindrucksvoll. Zahlreiche Lampen und Ventilatoren in freier Verkabelung sind ja nicht so ungewöhnlich, aber wer hat schon Wasserwaagen für Neigung und Schräglage im Auto oder einen kühlwasserbetriebenen waschechten Heizkörper mit Thermostat? Und mal Hand aufs Herz, wer braucht da schon so etwas banales wie eine Handbremse oder Anschnallgurte?
Pavel sagt, während ich uns durch die Stadt in Richtung Autobahn manövriere, das Mittagessen ab, dass es ja bereits um 14 Uhr geben sollte. Marek rechnet mir vor, dass es wirklich nur etwa 2 Stunden Fahrt sind, doch auf der Autobahn erwartet uns eine wirklich bittere Erkenntnis: Der Bus fährt tatsächlich nur 90 km/h, ab Tempo 100 steigt die Temperaturanzeige bedrohlich an, und Andreas, der neben mir sitzt, versucht, mich ein wenig aufzumuntern. Er bietet mir eine Wette an: Er sagt, wir schaffen es bis 18:30, ich sage, bis 19:30. Zu meinem Verdruss (aber im Sinne eines entspannteren Ablaufes) läuft der Bus zur Hochform auf, wir knacken die 110km/h, haben ein (1) erfolgreiches Überholmanöver und Andreas gewinnt die Wette um 2 Minuten.
Unser Eintreffen ruft im Club allgemeine Erleicherung hervor, und nach einem außerordentlich freundlichen Empfang wird uns die Tür zum Backstage geöffnet. Ein kleines Paradies: Ein üppig gedeckter Tisch mit übervollen Brötchentabletts, Getränke zum Teil wirklich exotischster Art (ich meine , mal im Ernst, wer erwartet Prosecco in Dosen?) und ein Riesenhaufen Süßigkeiten sowie Kaffee. Den haben wir wirklich bitter nötig.
Der Aufbau und der Soundchek gehen äußerst unkompliziert von Statten, es stehen uns sehr nette und kompetente Tontechniker zur Seite, und so erscheint mir der Tag doch noch eine etwas entspanntere Wende zu nehmen. Dennoch, eine Konstante gibt es : Hunger! Der Chef des Ladens, ein Hüne von Sozialarbeiter mit sehr freundlichem Gesicht und Händen wie zwei Schweinehälften bittet uns zu Tisch.
Um 20:10 (bei einem geplanten Beginn um 20:45) also können wir eine lokale Spezialität zu uns nehmen: Nudeln, wässrige Tomatensauce und angebratene Wurstbrocken – natürlich vegetarieregerecht als Buffet angerichtet.
Aber wie so vieles, was einem im Leben erwartet, ist auch diese Mahlzeit um Längen besser als sie aussieht, auch wenn Andreas mir in dieser Einschätzung heftig widerspricht. Dennoch gilt es, sich nicht zu lange mit dem Essen aufzuhalten, das Publikum häuft sich nämlich schon an und will bespielt werden.
Nach getaner Arbeit konnte ich nicht an mich halten, und ich musste einen Prosecco probieren. Meine Erinnerung reißt aber exakt nach der ersten Hälfte der Büchse ab.

Tag 1 (Auftakt – Freitag)

Endlich:

Verabredungsgemäß treffen wir beide pünktlich um 16 Uhr in der Spielstätte ein. Wir werden freundlich begrüßt von unserem Tourmanager Pavel (alle Namen gründlich und gewissenhaft geändert), mit den Worten: „Seid Ihr mit Fred da?“ – Kopfschütteln – „Fred ist ein Penner“. Er stürmt davon und ich frage „Hat er gerade Penner gesagt?“ Kurt bejaht. Wir beschließen, unser Equipment erst einmal in den Saal zu schleppen und treffen dabei auf unseren Gitarristen Anton; er ist sichtlich genervt und beginnt sogleich, uns den Stand der Dinge zu schildern. Fred, der den Tourbus eigentlich um 10 Uhr hätte abholen sollen, wurde vor drei Stunden vom Tourmanager geweckt und konnte sich an seine Aufgabe wohl nicht so recht erinnern. Um 15 Uhr kam von ihm die Nachricht, er habe nun endlich den Tourbus ausfindig gemacht, sich aber verfahren und könne jetzt useren gemeinsamen Probenraum nicht finden, wo Marek, der Schlagzeuger, schon seit etwa 13 Uhr wartet.

Ich schlage vor, erst einmal einen kleinen Spaziergang zu machen, der uns zu einem hervorragenden Imbiss führt und Kurt wieder etwas gelassener macht, denn er isst sehr gerne sehr viel und sehr schnell.

Zurück am Ort des Geschehens vertreiben wir uns noch ein wenig die Zeit mit dem Ausmalen größtmöglicher Horrorszenarien bezüglich des Tourverlaufes. Einige Schlüsselworte beflügeln unsere Phantasie, wie zum Beispiel Schlafsack („Hat nicht jemand etwas von Schlafsack gesagt?“), Gage, Verköstigung oder auch Polizeikontrollen.

In Letztere ist nämlich, wie Pavel uns aktuell informiert, die Band geraten, für die wir die Ehre haben, während der Tour im Vorprogramm auftreten zu dürfen. Dies verzögert selbstverständlich (neben der Reifenpanne und dem Stau) deren Eintreffen erheblich.
Schließlich kommen gegen 18 Uhr Fred, Marek und Sancho, unser Gastmusiker, mit dem Tourbus, doch Fred verlässt uns noch mal kurz, da er seinen Gitarrenamp zu Hause vergessen hat. Wir bauen in Rekordzeit auf und bestaunen die tontechnische Ausstattung („Ach, von Behringer gibt es auch ein Digitalpult?“). Selbiges tut allerdings auch der Toningenieur während des Soundchecks als er versucht, Herr der zahlreichen Rückkopplungen zu werden. Endlich steht der Sound mehr oder weniger. Just als wir die Bühne verlasssen ereilt uns die freudige Botschaft von Pavel: „Jetzt gibt es Pizza! Ich habe 25 Stück geordert für einen Haufen Geld“. Jemand fragt, was es für verschiedene Sorten gebe. – „Margherita.“

Die Pizza ist fast noch lauwarm und ich frage mich, wie lange man sich davon wohl ohne Mangelerscheinungen ernähren kann.
Im Hintergrund verstummen die Geräusche des Soundchecks der lokalen Vorband und eine rätselhafte Stille überkommt das Haus. Hier trennen sich nun zunächst unsere Wege, da Kurt noch schnell noch mehr essen will und mich überkommt das dringende Bedürfnis nach Körperpflege. Ich genieße also die womöglich letzte Dusche der nächsten drei Wochen und Kurt stockt noch einmal seine Reserven auf.

Gegen 22:30 Uhr kehre ich zum Auftrittsort zurück, und erstaunlicherweise ist es gar nicht mehr still. Auf der Bühne tummeln sich mit ohrenbetäubender Lautstärke drei DJs, die etwa 20 Zuschauer drängeln sich im Foyer. Die Vorband ist nirgends aufzutreiben und vereinzelt verlangen die Gäste schon ihr Eintrittsgeld zurück. Pavel beschließt, dass es eine gute Idee sei, nun anzufangen, und in Ermangelung der besagten Vorband räumen wir deren Equipment beiseite und versuchen, das erste Konzert unserer Tour zu beginnen. Doch haben wir die Rechnung nicht mit den fanatischen DJs gemacht. Unsere Anwesenheit auf der Bühne scheint sie nicht zu beirren, und sie nicken uns freundlich zu, während sie eine Platte nach der anderen auflegen. Unsere Absicht, das Konzert endlich zu eröffnen, quittieren sie zunächst mit Unverständnis, aber vier Dubplates später kommt dann tatsächlich das rettende Fade-Out. Die mittlerweile 25 Zuschauer sammeln sich nach und nach in der Halle vor der Bühne und es geht endlich los.

PS: Hat vielleicht jemand Verwendung für acht Pizza Margherita?

On tour mit der tollsten Band der Welt!

Heute gehts los!